„Schon wieder neue Bürokratie aus Brüssel!“ Wer im Mittelstand über den Digitalen Produktpass (DPP) spricht, erntet oft Seufzer. Die Sorge ist groß, dass sich die EU im globalen Wettbewerb mit Alleingängen selbst Steine in den Weg legt. Doch wer glaubt, der DPP sei ein rein europäisches Phänomen, der irrt gewaltig. Michael Trunzer von ECHO PRM zeigt in diesem kleinen Jubiläum – der zehnten Folge des Podcasts –, dass der Produktpass im Hintergrund längst zu einer globalen Bewegung geworden ist.
Das Vorurteil: „Nur die EU macht sich das Leben schwer“
Wenn Vorschriften wie die EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR) oder die Batterieverordnung diskutiert werden, ist die Skepsis verständlich. Die Befürchtung: Europa reguliert sich ins Abseits, während der Rest der Welt ungestört weitermacht.
Die Realität sieht jedoch völlig anders aus. Der Digitale Produktpass entwickelt sich rasant zum globalen Standard für zirkuläre Wertschöpfung. Andere große Wirtschaftsräume haben die strategischen und wirtschaftlichen Vorteile digitaler Produktidentitäten längst erkannt und ziehen mit eigenen Konzepten nach.
Der globale Blick: USA, Vereinte Nationen und China im Fokus
Sowohl in Nordamerika als auch in Asien laufen die Vorbereitungen für Produktpass-Systeme auf Hochtouren.
1. USA: Konzepte in der Entwicklung
In den Vereinigten Staaten werden derzeit vergleichbare digitale Konzepte zur Produkttransparenz und Kreislaufwirtschaft ausgearbeitet. Auch wenn hier im Vergleich zur EU noch weniger konkrete Gesetzestexte öffentlich vorliegen, ist das Thema auf der strategischen Agenda von US-Behörden und Industrie fest verankert.
2. Vereinte Nationen (UN): Der globale Rahmen
Sogar auf globaler Ebene wird an dem Thema gearbeitet. Die Vereinten Nationen entwickeln Ansätze für ein weltweites DPP-System. Das Ziel: Ein globaler, interoperabler Rahmen, der sicherstellt, dass die verschiedenen nationalen und kontinentalen Systeme am Ende problemlos Daten austauschen können.
3. China: Der strategische Vorreiter mit System
Am spannendsten ist die Entwicklung im wichtigsten Produktionsland der Welt: China baut in hohem Tempo ein eigenes, nationales DPP-System auf.
Unter der Federführung der China Academy of Information and Communications Technology (CAICT) – einer zentralen Denkfabrik und Forschungsinstitution des chinesischen Industrieministeriums – wird ein landesweites System entwickelt. China geht dabei äußerst strategisch vor:
- Kompatibilität als Ziel: Das System wird bewusst so konzipiert, dass es vollständig mit den europäischen Richtlinien (allen voran der ESPR) kompatibel ist.
- Internationale Zusammenarbeit: Statt einer abgeschotteten Insellösung stimmt sich China eng mit europäischen Institutionen und deutschen Standardisierungsgremien ab. Chinesische und europäische Produktpässe sollen in Zukunft gegenseitig anerkannt werden und nahtlos zusammenarbeiten.
Die Parallelen: Wie China das DPP-System aufbaut
Genau wie in der EU dient auch in China die Batterie als Testfeld für den Roll-out des Produktpasses. Die Anforderungen ähneln den europäischen Vorgaben verblüffend detailgetreu. Dokumentiert und nachverfolgt werden:
- Rohstoff-Herkunft: Woher stammen die kritischen Materialien?
- Produktionsbedingungen: Unter welchen ökologischen Parametern wurde gefertigt?
- Recyclingfähigkeit: Wie lässt sich die Batterie am Lebensende verwerten?
- Carbon Footprint: Wie hoch ist die exakte CO₂-Bilanz?
- Sicherheit: Gibt es relevante Sicherheitswarnungen für Endnutzer und Recycler?
Nach den Batterien steht in China – deckungsgleich mit dem Arbeitsplan der EU – die Textilbranche als nächste Produktgruppe auf der Agenda.
Der „Markteintritts-Effekt“: Warum globale Zulieferer den DPP brauchen
Die internationalen Aktivitäten kommen nicht von ungefähr. Für ausländische Unternehmen gibt es einen knallharten wirtschaftlichen Grund, sich anzupassen: der Zugang zum europäischen Markt.
Ausländischer Zulieferer ➔ Kein konformer DPP ➔ Importstopp in den EU-Binnenmarkt
Jeder Hersteller außerhalb der EU, der seine Komponenten, Textilien, Maschinen oder Batterien nach Europa exportieren möchte, muss die Anforderungen der Ökodesign-Verordnung erfüllen. Ohne einen gültigen, den EU-Standards entsprechenden DPP wird ein Import in Zukunft unmöglich sein.
- Das Risiko: Zulieferer, die den digitalen Wandel verschlafen, riskieren den Ausschluss vom europäischen Markt.
- Die Herausforderung für EU-Hersteller: Unternehmen in Europa müssen rechtzeitig sicherstellen, dass ihre internationalen Lieferanten lieferfähig bleiben und die notwendigen Daten strukturiert bereitstellen können.
Fazit: Der DPP wird zum globalen Standard
Die Sorge vor einem europäischen Bürokratie-Alleingang ist unbegründet. Dadurch, dass die großen Wirtschaftsräume der Welt – angeführt von der EU und China – an hochgradig kompatiblen Systemen arbeiten, wird der Digitale Produktpass zum weltweiten Standard für den Informationsaustausch in Lieferketten.
Wer sich also heute als Hersteller auf den DPP vorbereitet, tut dies nicht nur für die europäische Compliance, sondern sichert seine globale Wettbewerbsfähigkeit für die nächsten Jahrzehnte.
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